Getreide und Raps nicht ausgedüngt
Dass Raps- und Weizenbestände bei Vorkontraktpreisen um 500 respektive 200 Euro/t nicht ausgedüngt werden, kann man bei der Agravis Raiffeisen AG nicht nachvollziehen. "Mir erschließt sich die Zurückhaltung der Landwirte beim Düngen weder kaufmännisch noch agronomisch", so der Vorstandsvorsitzende der zweitgrößten deutschen Hauptgenossenschaft, Dr. Dirk Köckler. Warum an der Qualitätsgabe im Mai trotz ordentlicher Erzeugerpreise gespart wurde, dafür hat Köckler eine Erklärung: Preise für Kalkammonsalpeter über 40 Euro/dt hätten einen Käuferstreik ausgelöst. "Die Landwirte wollten hier einfach sparen". Für 2026 rechnet man bei der Agravis trotzdem mit einer guten Getreideernte auf Vorjahresniveau, als bundesweit 45 Mio. Tonnen inklusive Körnermais gedroschen wurden. Köckler begründete die optimistische Schätzung bei einem Fachgespräch mit Journalisten am Mittwoch (3.6.) in Hannover damit, dass es zuletzt fast überall im Bundesgebiet noch rechtzeitig geregnet habe. Ertragshebel Strobilurine Warum die Ernte 2026 trotz ordentlicher Wuchsbedingungen damit immer noch weit unter dem liegt, was noch vor zehn Jahren an Getreide von deutschen Äckern geholt wurde, auch das kann der Agravis-Chef begründen. Maßgeblich für den Mengenrückgang seit dem Peak 2014/15 mit 52 Mio. Tonnen Getreide sei einerseits der schrumpfende Züchtungsfortschritt. Ein weiterer Ertragshebel sei noch vor zehn, 15 Jahren die Fungizidbehandlung mit Strobilurinen gewesen. Negativ auf Erträge und Qualitäten habe zudem die stark restriktive deutsche Düngeverordnung gewirkt, ergänzte Köckler. Flächenverbrauch und "Extensivierungsfantasien" Der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Agravis Raiffeisen AG, Philipp Schulze Esking, erklärt sich den Negativtrend bei den Erntemengen damit, dass der Werkzeugkasten an Betriebsmitteln, um hohe Erträge zu erzielen, für die hiesigen Ackerbauern von Jahr zu Jahr kleiner geworden ist. Hinzu kämen der immer noch hohe Flächenverbrauch und "politische Extensivierungsfantasien". Schulze Esking geht deshalb nicht davon aus, dass in Deutschland so bald wieder mehr als 50 Mio. Tonnen Getreide gedroschen werden. Ostelbischen Standorten drohen "Katastrophenernten" Für Agravis-Vorstandsmitglied Jan Heinecke zählt auch der Klimawandel zu den Hemmfaktoren, die große Getreideernten verhindern. Er illustrierte diese Einschätzung mit der ackerbaulichen Situation in Frankreich. Von dort hätten ihm Landwirte berichtet, dass der Klimawandel den Süden des Landes erobert habe. Dort werde deshalb mittlerweile kaum noch Getreide angebaut. Mit südfranzösischen Verhältnissen muss Heinecke zufolge durch den Klimawandel auch in Teilen von Deutschland gerechnet werden: "Wenn es bei uns auf den ostelbischen Standorten nicht rechtzeitig regnet, stehen wir auch dort bald vor Katastrophenernten. Dann holen wir auch von guten Böden nur noch drei bis vier Tonnen Roggen". AgE

