Viele Betriebe steigen aus
Der Strukturwandel in der ostdeutschen Milchwirtschaft schreitet rasant voran. Die Zahl der Milchviehbetriebe in den fünf Bundesländern könnte sich in den nächsten zehn Jahren mehr als halbieren, prognostiziert Dr. Klaus Siegmund vom Interessenverband Milcherzeuger (IVM). Siegmund geht davon aus, dass von den zuletzt 1.356 ostdeutschen Betrieben, die an der Milchleistungsprüfung (MLP) teilnehmen, dann möglicherweise nur noch 500 bis 700 übrig sind. Im Jahr 1995 seien in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zusammen noch 4.764 MLP-Betriebe gezählt worden. Mit stabilen oder sogar wachsenden Betriebszahlen rechnet der IVM-Geschäftsführer nur noch bei Großbetrieben mit mehr als 1.000 Kühen. Dagegen werde die Zahl "mittelgroßer" Betriebe mit Herdengrößen zwischen 200 und 500 Kühen absehbar weiter sinken, ebenso wie die der - zumindest für ostdeutsche Verhältnisse - kleinen Familienbetriebe mit weniger als 200 Kühen. Ostdeutschland kein klassischer Gunststandort Bei der IVM-Jahrestagung in der Heimvolkshochschule am Seddiner See in Brandenburg wies Siegmund außerdem darauf hin, dass Ostdeutschland - mit Ausnahme einiger Regionen in Sachsen - kein klassischer Gunststandort für die Milchproduktion sei. Daher hätten die fünf ostdeutschen Bundesländer seit 2015 auch 1 Mio. Tonnen Milch verloren. Habe der Anteil an der bundesweiten Erzeugung vor 25 Jahren noch bei 22,2% gelegen, seien es mittlerweile nur noch 18,4%. Zuletzt standen dem IVM-Geschäftsführer zufolge 30% der noch 540.000 ostdeutschen Milchkühe in Beständen von mehr als 1.000 Kühen, in Beständen unter 200 Tieren waren es dagegen gerade noch 8,9%. Vor 25 Jahren sei das Verhältnis noch in etwa umgekehrt gewesen - bei allerdings noch 847.000 Kühen in Ostdeutschland. Wie Siegmund weiter ausführte, wird in vielen der sogenannten Typenanlagen der früheren DDR noch heute Milch produziert, bei allerdings stark unterschiedlichem Modernisierungsgrad und entsprechend unterschiedlich ausgeprägten Zukunftschancen. Auffällig sei ein mittlerweile hoher Anteil niederländischer Landwirte in der ostdeutschen Milcherzeugung sowie die vergleichsweise niedrige Besatzdichte von nur 10 Milchkühen pro 100 Hektar. Gleichwohl liege der Verkaufserlös aus der Milcherzeugung mit 25% ungefähr genauso hoch wie im Westen Deutschlands, wo eine viel stärkere Wertschöpfung mit der Vermarktung von Obst, Gemüse und Wein erzielt werde. Betriebe müssen "die Hose runterlassen" Die Jahrestagung bot dem IVM diesmal den Rahmen, um das 35-jährige Bestehen des Verbandes zu feiern. Der Verband gründete sich im April 1991 und damit nur rund anderthalb Jahre nach dem Mauerfall und inmitten der heißen Phase der Transformation der ostdeutschen Landwirtschaft. Was den IVM für seinen Vorsitzenden Stefan Rothe ausmacht, ist die hohe Transparenz der aktuell 58 angeschlossenen Milcherzeuger in Bezug auf die eigenen unternehmerischen Kennzahlen. Beim IVM müsse sich jeder Einzelne einbringen und im Rahmen des internen Betriebsvergleichs auch mal "die Hosen runterlassen". Diese Transparenz und Offenheit werde auch von potenziellen neuen IVM-Mitgliedern erwartet, so Rothe, der im Osten Brandenburgs Geschäftsführer bei der Bauerngesellschaft Ziltendorfer Niederung ist. Schmal: IVM ist wichtige Stimme der Praxis Der "Milchpräsident" des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Karsten Schmal, würdigte den IVM in einem Grußwort als "wichtige Stimme der Praxis". Die Milcherzeugung der Zukunft wird Schmal zufolge noch digitaler, datenbasierter und noch stärker managementgetrieben sein. Vor diesem Hintergrund werde der IVM weiter gebraucht als Fachverband und Diskussionsplattform. Während der Bauernverband die "große agrarpolitische Bühne" bespiele, so Schmal, bringe der IVM die praxisspezifische Erfahrung und Perspektive großer, strukturprägender Milchviehbetriebe vor allem aus Ostdeutschland ein. Gerade in der Diskussion um die Zukunft der Tierhaltung habe sich gezeigt, wie wertvoll ein Fachverband wie der IVM sein könne. Der DBV-Vizepräsident erinnerte an das nach seiner Überzeugung erfolgreiche Mitwirken des IVM in der Arbeitsgruppe Rind des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung unter der Leitung von Jochen Borchert. MIV positioniert sich gegen die Kappung Lobende Worte zum IVM-Jubiläum gab es auch vom Milchindustrieverband (MIV). Man habe in den vergangenen Jahren zielorientiert und an mehreren Stellen mit gemeinsamen Interessen zusammengearbeitet, berichtete MIV-Hauptgeschäftsführer Dr. Björn Börgermann. Dabei sei der IVM als "durchaus kritischer, aber auch konstruktiver Begleiter" der eigenen Verbandsarbeit aufgetreten. So habe der IVM Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in der Vergangenheit kritisch hinterfragt und damit einen Beitrag zur Transparenz in der Milchbranche geleistet. Verbandspolitisch weniger aktiv ist der MIV seinem Hauptgeschäftsführer zufolge im Hinblick auf die anstehende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Allerdings könnten die IVM-Mitglieder ganz sicher sein, "beim Thema Kappung und Degression hat die Milchindustrie die gleichen Interessen und steht an der Seite der großen Milcherzeuger in den ostdeutschen Bundesländern", so Börgermann. Das macht der IVM Der IVM sieht sich selbst als Plattform für den Erfahrungsaustausch ostdeutscher Milcherzeuger. Einbezogen sind Unternehmen aus dem vor- und nachgelagerten Bereich sowie Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft. Mit seinem Betriebsvergleich liefert der Fachverband eine jährliche Branchen-Kennzahlenanalyse. Der Vergleich dient dem detaillierten Benchmarking zur Verbesserung von Tierwohl, Management und Wirtschaftlichkeit. Im Betriebsvergleich 2025 wurde für die IVM-Betriebe eine durchschnittliche Leistung von 11.409 kg je Kuh ausgewiesen, darunter für drei Unternehmen über 14.000 kg und für vier Betriebe über 13.000 kg. In den IVM-Mitgliedsbetrieben stehen rund 13% der ostdeutschen Milchkühe. Damit kommen aus diesen Unternehmen knapp 15% des Milchaufkommens der neuen Bundesländer. AgE

