Außer Spesen nichts gewesen?
In Frankreich ist es der Insektenerzeugung bislang nicht gelungen, sich aus ihrem Nischendasein zu befreien. Obwohl die Branche in den vergangenen zehn Jahren erhebliche finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten hat, ist ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell nicht in Sicht. Zudem konnte die Branche gesellschaftliche Erwartungen nicht erfüllen. Das zeigen zwei Berichte, die unabhängig voneinander in den vergangenen Wochen veröffentlicht worden sind. Ein ausnehmend schlechtes Zeugnis stellen der Branche und ihren Bemühungen die Beobachtungsstellen für Agrarförderung (ObSAF) und Insektenerzeugung (ONEI) aus. In ihrem gemeinsamen Bericht fordern die beiden Observatorien sogar, vorerst jegliche Förderung durch die öffentliche Hand auf Eis zu legen. Erst wenn verlässliche Ökobilanzen Vorteile gegenüber bestehenden Alternativen belegen, darf der Staat aus Sicht von ObSAF und ONEI den Insektenerzeugern wieder unter die Arme greifen. Förderung in dreistelliger Millionenhöhe Laut dem Bericht haben die französischen Steuerzahler in den vergangenen zehn Jahren mindestens 284 Mio. Euro in die Insektenerzeugung investiert. Wie die Beobachtungsstellen vorrechnen, wurde damit jedes tatsächlich produzierte Kilo an Insektenmehl mit ungefähr 20 Euro subventioniert, was dem fünffachen des Marktpreises entsprechen soll. ObSAF und ONEI verweisen zur Einordnung zudem auf die 120 Mio. Euro, die im milliardenschweren Corona-Konjunkturprogramm "France Relance" zur Verdopplung des Leguminosenanbaus bis 2030 vorgesehen sind. Weltweit sollen dem Bericht zufolge etwa 2 Mrd. Euro an öffentlichen und privaten Mitteln in die Insektenerzeugung geflossen sein. Mindestens 720 Mio. Euro oder 36% der Gesamtsumme kam demnach Unternehmen zugute, die ihre Tätigkeit mittlerweile eingestellt haben oder sich in einer Umstrukturierung befinden. Nachhaltigkeitsversprechen nicht eingelöst Die wirtschaftlichen Aussichten für die Insektenerzeugung sind nach Einschätzung von ObSAF und ONEI nicht gut. Der Markt für Futtermittel sei nur geringfügig gewachsen. Insektenmehl sei nach wie vor zwei bis vier Mal so teuer wie Fischmehl und bis zu neun Mal teurer als Soja. Keinen Ausweg bietet laut Bericht der Absatz in der Humanernährung; dazu sei die Akzeptanz in der Bevölkerung zu gering. Die Erschließung des Marktes für Haustierfutter werten ObSAF und ONEI als Rückschritt: Aus ihrer Sicht handelt es sich um eine Nische, die nur eine sehr begrenzte Anzahl von Unternehmen aufnehmen kann. Nicht gerecht geworden ist die Insektenerzeugung laut dem Bericht auch ihren Nachhaltigkeitsversprechen. Nach Angaben der Beobachtungsstellen belegt eine Ökobilanz des Londoner Umweltministeriums, dass der CO2-Fußabdruck von Insektenmehl bis zu 13,5 Mal höher ist als bei Soja. Nicht viel besser soll es beim Einsatz von Insekten im Heimtierfutter aussehen. Hinzu kommt laut ObSAF und ONEI, dass die Branche anders als üblicherweise behauptet nur in sehr geringem Umfang Lebensmittelabfälle nutzt. Stattdessen werde vorwiegend auf Nebenprodukte aus der Landwirtschaft gesetzt, für die es aber bereits Verwertungsketten gebe. Nicht für vielversprechend halten die Observatorien die Verwendung von Insekten als Lebensmittel auch unter Klimaschutzaspekten. Laut dem Bericht ersetzen die Kerbtiere überwiegend pflanzliche Zutaten anstatt Fleisch und verschlechtern somit die Klimabilanz. Grundlage für leistungsfähigere Mehlwürmer Positiver wird die staatliche Förderung für die Insektenerzeuger vom Generalrat für Ernährung, Landwirtschaft und ländliche Räume (CGAAER) gesehen, der kürzlich einen Bericht über die Unterstützung für Frankreichs Ernährungswirtschaft vorgelegt hat. Erwartungsgemäß zurückhaltend zeigen sich die Berater der Regierung im Hinblick auf die Einordnung des Förderaufwandes. Anders als ObSAF und ONEI verbucht der CGAAER allerdings auch einige Dinge auf der Habenseite, und zwar vor allem das Know-how. Die Expertise der Unternehmen müsse unbedingt erhalten bleiben, so die Empfehlung des Gremiums. Mithilfe der staatlichen Mittel sei eine fundierte Wissensbasis geschaffen worden, die weiter genutzt werden müsse. Als Beispiel für das Know-how der französischen Unternehmen verweist der CGAAER unter anderem auf den mittlerweile insolventen Insektenerzeuger Ynsect. Das lange Zeit als Vorbild gehandelte Unternehmen hat bis 2022 insgesamt 341 Patente angemeldet. Ynsect gilt zudem als treibende Kraft hinter dem Projekt "Ynfabre", dass die Grundlagen für züchterische Fortschritte im Zusammenhang mit der industriellen Nutzung des Mehlwurms legen soll. Bereits entwickelt wurde laut CGAAER ein Chip, der eine schnelle Analyse der genetischen Ausstattung von Mehlwürmern ermöglicht. AgE

