"Die Krise wird sich hinziehen"
Die wirtschaftlichen Folgen des Irankrieges werden auch nach einem potenziellen Ende des Konfliktes noch für längere Zeit deutlich zu spüren sein. Darauf hat der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Antonin Finkelnburg, hingewiesen. "Ich warne davor zu glauben, dass diese Krise zu Ende ist, wenn der Krieg zu Ende ist", sagte Finkelnburg bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Offene Märkte, starke Lieferketten", die vom Verband "Der Agrarhandel" am Mittwoch (6.5.) in Hamburg veranstaltet wurde. Der BGA-Geschäftsführer begründet seine Einschätzung unter anderem mit der Zerstörung von Produktionsanlagen im Krisengebiet. "Bis die wieder repariert sind und funktionieren, wird es Brüche und Abrisse in der Lieferkette geben, weil die Produktion einfach nicht mehr hinterherkommt". Laut Finkelnburg treffen in diesen Tagen die letzten Schiffe aus der Golfregion ein, die noch vor dem Krieg losgefahren seien. "Jetzt merken wir erst tatsächlich die Spannung in der Lieferkette", verdeutlichte der Verbandschef. Er geht davon aus, dass die infolge des Krieges gestiegenen Preise auf absehbarer Zeit nicht sinken werden. Das wird Finkelnburg zufolge auch für die "massiv" gestiegenen Düngemittelpreise gelten, sodass zeitversetzt ein deutlicher Anstieg der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt zu befürchten sei. "Mercosur ist ein toller Erfolg" Um die Lieferketten widerstandsfähiger zu machen, sollte aus Sicht des BGA-Geschäftsführers der freie Handel gestärkt werden. Er sieht dabei auch Berlin und Brüssel in der Pflicht, innereuropäische Handelshindernisse zu beseitigen. Gerade im Agrarbereich gebe es "Dutzende" von Regelungen mit unterschiedlichen Auslegungen in den Mitgliedstaaten. Unerlässlich sind für Finkelnburg auch weitere Freihandelsabkommen. "Mercosur ist ein toller Erfolg, wir brauchen mehr davon", so seine Einordnung. Berlin und Brüssel sieht der BGA-Geschäftsführer auch gefordert, Bürokratie abzubauen. "Wenn ich auf die Bundesregierung schaue und sehe, man nimmt Rekordschulden auf, hat aber kein Geld, um die Unternehmen zu entlasten, dann sollte man zumindest versuchen, Bürokratie abzubauen." Das koste nichts und bringe viel. Landwirte sollten kontinuierlich vermarkten Langfristige Auswirkungen auf die Lieferketten erwartet auch der Geschäftsführer der BAT Agrar GmbH & Co. KG, Ludwig Striewe. Er verwies darauf, dass nicht nur bei Öl und Düngemitteln, sondern auch damit verbundenen Vorprodukten Versorgungsengpässe zu erwarten seien, etwa bei Schwefelsäure. Mit Blick auf die großen Unsicherheiten über den weiteren Verlauf des Krieges empfiehlt Striewe nicht nur den Landwirten, "nicht alles auf eine Karte zu setzen und kontinuierlich zu vermarkten". Auch Betriebsmittel sollten kontinuierlich eingekauft werden, auch wenn das Preisniveau relativ hoch erscheine. "Aber man darf nicht auf dem einen Fuß erwischt werden, dann kann es richtig schädlich werden", warnte Striewe. Die Düngerversorgung hierzulande ist laut dem Agrarmarktexperten für das aktuelle Frühjahr weitgehend gedeckt. Speziell in Norddeutschland seien die Betriebe gut aufgestellt, im Süden etwas weniger. "Spannend" wird aus Striewes Sicht die weitere Entwicklung im Jahresverlauf werden. Es bleibe abzuwarten, wie sich die Marktteilnehmer verhalten würden. Gedanken macht man sich bei der BAT Agrar dem Geschäftsführer zufolge über die Düngemittelversorgung zur Ernte 2027. Wenn die Landwirte über sechs oder sieben Monate nicht einkauften, würden irgendwann die Anlagen abgeschaltet. "Und wenn dann im November sich alles normalisiert, hätten wir möglicherweise nicht mehr genügend Kapazität und Zeit, die Düngerversorgung für das nächste Frühjahr herzustellen." Reisanbau unter Druck Die Auswirkungen des Irankrieges auf andere Erdteile beleuchtete Prof. Regina Birner von der Universität Hohenheim. Laut der Leiterin des Fachgebiets Sozialer und institutioneller Wandel in der landwirtschaftlichen Entwicklung machen den asiatischen Ländern insbesondere die hohen Energie- und Düngemittelpreise zu schaffen. Systeme wie der Reisanbau in Südasien seien sehr düngeintensiv und daher unmittelbar betroffen. Die gestiegenen Kosten machen sich laut der Agrarwissenschaftlerin außerdem beim Energieeinsatz für die Bewässerung bemerkbar. Das betreffe Regionen, die für die globale Versorgung mit Nahrungsmitteln sehr wichtig seien. Afrikanische Länder werden laut Birner aufgrund des eher geringen eigenen Produktionspotenzials insbesondere dann unter Druck geraten, wenn die Lebensmittelpreise steigen. Laut der Wissenschaftlerin ist vorerst aber nicht damit zu rechnen, dass sich eine Preiskrise wie nach der Corona-Pandemie in Verbindung mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wiederholt. "Da sind die Bedingungen glücklicherweise etwas anders", so Birner. Es gebe keine sehr starken Nachfragesteigerungen und die Versorgungslage werde auch besser eingeschätzt. Die Ernteprognosen sähen besser aus und auch die Lagerbestände seien höher, vielleicht mit Einschränkungen beim Mais. AgE

