EU muss Potenzial ausschöpfen
Europäische Dachverbände der Agrar- und Biokraftstoffindustrie fordern ein Ende der aus ihrer Sicht zu restriktiven EU-Biokraftstoffpolitik. In einer gemeinsamen Erklärung rufen die Wirtschaftsverbände die derzeit in Zypern tagenden Staats- und Regierungschefs dazu auf, das "volle Potenzial" der heimischen Biokraftstoffnutzung auszuschöpfen.
Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Verbände mit ihrer Forderung zumindest bei der EU-Kommission Gehör finden. In Brüssel zeichnete sich zuletzt ein politischer Wandel hin zu einer biokraftstofffreundlicheren Ausrichtung ab.
So wurden im am Mittwoch (22.4.) vorgestellten Aktionsplan "AccelerateEU - Energy Union" Biokraftstoffe als wichtiger Baustein für Energiesicherheit und Dekarbonisierung hervorgehoben. Medienberichten zufolge erwägt die Kommission zudem, den Ottokraftstoff E20 zeitig in der EU zuzulassen. Auch EU-Agrarkommissar Christophe Hansen äußerte sich zuletzt positiv über die heimischen Bioenergieträger.
"Strategische Energieunabhängigkeit"
In ihrer Erklärung betonen die Verbände, dass Europa angesichts "beispielloser globaler Unsicherheiten", steigender Energiekosten und ambitionierter Klimaziele es sich nicht länger leisten könne, Möglichkeiten heimischer Biokraftstoffproduktion ungenutzt zu lassen. Die EU müsse eine "strategische Energieunabhängigkeit" erreichen und zugleich die eigenen Potenziale zur Produktion pflanzlicher Proteine, ein Nebenprodukt der Biokraftstoffherstellung, stärker nutzen. Als Reaktion auf die durch den Krieg im Nahen Osten gestörte Energieversorgung könnten Biokraftstoffe dazu beitragen, fossile Energieträger zu ersetzen und die Importabhängigkeit zu verringern, heißt es weiter in dem Schreiben.
Irreführende "Tank-oder-Teller"-Debatte
Die sogenannte "Tank-oder-Teller"-Debatte bezeichnen die Verbände als "irreführend". Denn bei der Biodieselproduktion entstünden neben Kraftstoffen auch Futtermittel, biobasierte chemische Grundstoffe und weitere Koppelprodukte. Bioraffinerien seien daher ein wichtiger Bestandteil europäischer strategischer Autonomie.
Zudem seien Biokraftstoffe notwendig, um schwer zu elektrifizierende Sektoren weiterhin mit nachhaltigen Energieträgern zu versorgen. Gleiches gelte für die Dekarbonisierung der Bestandsflotte von Kraftfahrzeugen, die voraussichtlich noch rund 15 Jahre auf Europas Straßen unterwegs sein werde.
Unterzeichnet wurde das Schreiben unter anderem von den EU-Ausschüssen der Bauernverbände (Copa) und ländlichen Genossenschaften (Cogeca), dem Dachverband der Getreidehändler (COCERAL) sowie dem European Biodiesel Board (EBB).
E20 soll früher kommen
Unterdessen wurde in dieser Woche bekannt, dass die EU-Kommission offenbar erwägt, Benzin mit einem höheren Ethanolanteil von bis zu 20%, sogenannten E20-Kraftstoff, früher als bislang geplant zuzulassen. Demnach könnte die Einführung bereits Anfang 2027 erfolgen und damit bis zu ein Jahr früher als bisher vorgesehen. Derzeit legt die europäische Kraftstoffqualitätsrichtlinie eine Obergrenze von 10% Ethanol (E10) fest.
Medienberichten zufolge hatten sich bereits im vergangenen Jahr EU-Abgeordnete der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) in einem Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für die Einführung von E20 eingesetzt. Die nun erfolgte Antwort der Kommissionspräsidentin deutet darauf hin, dass die Initiative der EVP auf Zustimmung stößt.
Lins sieht ländlichen Raum gestärkt
Der CDU-Europaabgeordnete Norbert Lins sprach daher von einem positiven Signal: "Für die Landwirtschaft ist E20 eine echte Chance. Heimisches Bioethanol schafft Wertschöpfung im ländlichen Raum und stärkt die Versorgungssicherheit Europas", kommentierte er. Hintergrund ist, das Ethanol aus Agrarrohstoffen wie Zucker oder Getreide gewonnen werden kann.
Auch Agrarkommissar Hansen sieht in Biokraftstoffen großes Potenzial. "Die Energiekrise hat unsere Landwirte mit steigenden Produktionskosten und Unsicherheit konfrontiert", schrieb der Luxemburger am Donnerstag (23.4.) auf der Plattform Bluesky. Man müsse daher verstärkt auf heimische Lösungen setzen und den Ausbau von Biogas, Biomethan und Biokraftstoffen vorantreiben, um die Energieunabhängigkeit zu stärken und die Einkommen der Landwirte zu sichern. AgE

